Das Haus Wylerberg: Geschichte und Kultur

Nur wenige Bauten der neueren Architektur können wohl auf eine so wechselvolle, reiche Geschichte zurückblicken wie das im niederländisch-deutschen Grenzgebiet gelegene Haus Wylerberg. Es ist eines der wichtigsten Bauwerke des Expressionismus. Das Wohnhaus wurde konsequent in den zu dieser Zeit populären Kristallformen erbaut, welche für Reinheit und Unendlichkeit standen, und Symbol für eine kommende Gesellschaft waren.

Architekt Otto Bartning, der Direktor der neu gegründeten Bauhochschule in Weimar war, hatte es in den Jahren von 1921 bis 1924 auf dem auch Teufelsberg genannten Wylerberg gebaut. Eine große expressionistische Villa, die auch an Steiners Bau-Ideen erinnert – und in der von Beginn an Hauskonzerte gegeben wurden.

Otto Bartning baute Haus Wylerberg im Auftrag von Marie Schuster geb. Hiby auf der deutschen Seite der Grenze. Es beherbergte nicht nur eine bedeutende Sammlung moderner bildender Kunst mit Werken von lyonel Feininger, Christian Rohlfs, Heinrich Nauen, Ewald Mataré und Heinrich Campendonk, sondern bot darüber hinaus auch vielen Künstlern Gastfreundschaft. Daß dazu von Anfang an auch der Musik eine wichtige Rolle zugedacht war, bezeugt der Musiksaal, künstlerisch der anspruchvollste Raum des ganzen Hauses. Dieser Saal war keinesfalls ein Statussymbol wie in manchen Bürgerhäusern jener Zeit das Musikzimmer, vielmehr hat Marie Schuster ihn wohl vor allem im Hinblick auf ihre Tochter Alice einrichten lassen, die damals am Anfang ihrer Karriere als Sängerin stand. Alices Musikalität scheint ein großmütterliches Erbe gewesen zu sein. Julie Hiby geb. Stein, ihre Großmutter mütterlicherseits, die aus einer ausgesprochen musikalischen Familie stammte, hatte noch von Clara Schumann Klavierunterricht erhalten, ihre Großmutter väterlicherseits war eine ausgebildete Sängerin. Später hatte der Kölner Pianist Heinrich (Henry) Jolles, ein Freund des Hauses, mehrfach in diesem Haus Konzerte gegeben, bis er als Jude gezwungen war, das Land seiner Herkunft zu verlassen. Als „heimlicher Gast auf deutschem Boden“ hat er den Wylerberg nach 1933 von Holland aus noch einmal besucht. Nach dem Krieg kam er als Freund der Familie Schuster und als alter Studienfreund von Else C. Kraus als „brasilianischer“ Pianist wieder auf den Wylerberg und gab Konzerte.

In den heftigen Kämpfen, die in den letzten Monaten des zweiten Weltkrieges im Grenzgebiet stattfanden, hat das Haus verhältnismäßig geringe Schäden davongetragen, doch wurde es während seiner Evakuierung geplündert und seiner sämtlichen Kunstschätze beraubt. Marie Schuster war es nach ihrer Rückkehr nicht mehr vergönnt, dieses bedeutende Bauwerk wiederherzustellen. Sie starb am 14. Mai 1949 in dem notdürftig hergerichteten Häuschen an der Auffahrt zum Wylerberg, körperlich erschöpft, aber bis zuletzt voller Anteilnahme an dem wiederwachsenden kulturellen Leben in Deutschland.

Mit Alice Schuster, die nun das Erbe antrat, und ihrer langjährigen Freundin, der international vor allem als Schönberg-Interpretin anerkannten Pianistin Else C. Kraus, begann für das Haus Wylerberg eine neue Epoche. Nach dem Willen der beiden Frauen sollte das Haus, das seit 1949 infolge einer Grenzkorrektur auf niederländischem Boden steht, als privates Kulturzentrum dazu beitragen, die durch den Krieg zerstörten kulturellen Kontakte zwischen den beiden Ländern wiederherzustellen. Hatte zuvor die bildende Kunst im Mittelpunkt des kulturellen Lebens auf dem Wylerberg gestanden, so erhielt jetzt die Musik den stärksten Akzent, während Kunst und Literatur gewissermaßen flankierend hinzutraten. In den gemeinsamen Berliner Jahren, wo die beiden Frauen zuvor gelebt hatten, entstanden lebenslange Beziehungen und Freundschaften wie z.B. zu Gottfried Benn, Erwin Redslob (Reichskunstwart der Weimarer Republik), Arnold Schönberg und seinem Berliner Schülerkreis. Ohne diese Jahre wäre das kulturelle Leben auf dem Wylerberg, wie es sich zwischen 1950 und 1966 entfaltete, nicht zu denken gewesen.

Es wurden unter anderem romantische Werke vorgetragen, die Klavierwerke Schönbergs (Aufnahme des gesamten Klavierwerks Juni 1960, erschienen bei Bärenreiter), Musik von zeitgenössischen niederländischen Komponisten, das letzte große Werk war die Kunst der Fuge für zwei Klaviere.

1966 verkauften Alice und Else das Haus an den niederländischen Staat und übersiedelten nach Ascona. Das Haus ist heute im Besitz der niederländischen Staatsforstverwaltung.

Seit 2011 werden wieder 4 mal im Jahr Konzerte verschiedenster Programmierung veranstaltet. Dies geschieht durch einige ehrenamtliche Mitarbeiter in Zusammenarbeit mit Sovon Vogelforschung, die Mieter des Musiksaales sind.